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Blick in die Bahnhofstraße um 1915

01.10.2026 - Foto des Monats Oktober 2026 Jeden Monat präsentiert das Bocholter Stadtarchiv das "Foto des Monats" - eine historische Aufnahme aus den Fotoarchiven der Stadt Bocholt. Im Jahre 1878 wurde die Stadt Bocholt an das Schienennetz nach Wesel angebunden, welches die Köln-Mindener Eisenbahngesellschaft baute. Das erste Stationsgebäude errichtete man ein Stück südlich des einstigen Schützenhauses. Der Name „Bahnhofstraße“ als 1881 neu angelegter Zugangsweg zum Eisenbahngelände ergab sich in Folge selbstredend.

Der Betrachter befindet sich am östlichen Ende der Bahnhofstraße und blickt in der herbstlichen Darstellung um 1915 von der Station nach Westen. Ins Auge fallen die prächtigen, in den 1880er und 1890er Jahren im Stil des Historismus erbauten Fabrikantenhäuser an der nördlichen Straßenseite. Ganz rechts tritt die Villa des jüdischen Kaufmanns Emil Cohen ins Bild, die 1927 von der Stadt Bocholt angekauft wurde und seither als Dienstwohnung des Oberbürgermeisters diente. Die Nationalsozialisten nutzten das Gebäude ab 1936 als Domizil für die örtliche Hitler-Jugend. 1945 durch den Bombenangriff zerstört, wurde die Ruine 1960 beseitigt und das Grundstück bis dato nicht wieder bebaut. Das Haus daneben gehörte dem jüdischen Fabrikanten Iwan Magnus.

Die folgende Villa errichtete der Fabrikant Heinrich Budenberg, der sie 1909 an den jüdischen Industriellen Max Cohen verkaufte. Hinter den weiteren Wohnbauten ragt der Turm der St.-Josef-Kirche auf. Die linke Straßenseite ist im Gegensatz zur rechten nur mit einer Baumreihe bepflanzt. In den sich aneinanderreihenden Bauten wohnten auch überwiegend Kaufleute aus der Bocholter Oberschicht.

Ihre Häuser vermitteln zwar ebenso einen noblen und großzügigen Eindruck, sie kommen aber den feudalen Villen von gegenüber bei Weitem nicht gleich. Am 13. Dezember 1904 beschlossen die Stadtverordneten, die nördliche Baumreihe fällen zu lassen. Dieses führte jedoch bei den Bewohnern der Bahnhofstraße zu einem „flammenden Protest“, wie es die lokale Tageszeitung seinerzeit formulierte. Der Ratsbeschluss wurde letztlich nicht umgesetzt, sodass die Bürger weiterhin stolz auf ihre - so wörtlich - „einzige Avenue“ sein konnten.

Foto: Stadtarchiv Bocholt, Bildsammlung Nr. 523, Text: Wolfgang Tembrink

Blick in die Bahnhofstraße um 1915

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